MANUELA LETSCH

  • 1. Kapitel

    Noée

    Sophie streckte die Arme nach Noée aus und Noée ging vor ihrer Tochter in die Knie und umarmte sie. Sie war genauso aufgeregt wie Sophie. Seit sie aufgestanden war, verspürte sie eine leichte Übelkeit. Sophie rückte das Täschchen zurecht, das sie mit ihrer Gotte gekauft und seither stolz jedem gezeigt hatte, der es sehen wollte. Das Ledertäschchen mit dem weissen Kätzchen war das Erste gewesen, was Sophie nach dem Umzug vor zwei Wochen an einen der Garderobehaken in ihrem neuen Zimmer gehängt hatte. Darin befand sich jetzt in einer blauen Tupperdose mit Delphinen darauf Sophies Znüni: Apfelschnitze und eine Trinkflasche Wasser.
    Noée lächelte ihre Tochter beruhigend an und stand auf. Sie konnte sich nicht mehr an ihren eigenen ersten Kindergartentag erinnern, aber sie war bestimmt genauso aufgeregt gewesen. Sie streifte Sophie den orangen Leuchtstreifen über. »Bereit?«, fragte sie und öffnete die Wohnungstür.
    Sophie nickte stolz und schlüpfte aus der Tür. Ihr Pferdeschwanz wippte auf und nieder, während sie die Treppe hinunterhüpfte. Noée schloss die Wohnungstür und folgte ihr.

    Sie hatten keinen weiten Weg bis zum Kindergarten und waren ihn in den letzten Tagen auf dem Weg zum Lebensmittelgeschäft schon ein paar Mal gegangen, doch heute kam Noée der Weg unheimlich kurz vor. Sie spürte, wie ihre Füsse bei jedem Schritt schwerer wurden und die Übelkeit zunahm. Sie versuchte, ihren Magen mit bewussten, tiefen Atemzügen zu beruhigen, und hoffte, dass Sophie nicht merkte, wie nervös sie war, zumal ihre Tochter inzwischen auch stiller und ihre Schritte zaghafter geworden waren. Da sie erst vor kurzem zugezogen waren, hatten sie keine Gelegenheit gehabt, die Kindergärtnerin und die anderen Kinder vorab kennenzulernen. Sie hatten am Tag des Umzugs allerdings einen grossen Umschlag mit einem persönlichen Willkommensschreiben und dem Leuchtstreifen im Briefkasten vorgefunden, worüber Sophie sich sehr gefreut hatte.
    Kurz darauf standen sie vor dem unscheinbaren Bau aus den 70er Jahren, in dem zwei Kindergartenklassen untergebracht waren. Sophie war in die Gruppe im ersten Stock eingeteilt worden. Noée stiess die schwere Eingangstüre des Kindergartens auf, ergriff Sophies Hand und stieg mit ihr langsam die Treppe hoch. Oben befand sich von einem Oberlicht erhellt die Garderobe. Unter den Holzbänkchen standen Schuhe, an den Haken hingen einzelne Jacken und Leuchtstreifen und in der Mitte lagen in einem grossen geflochtenen Korb Kindegartentäschchen.
    Noée holte zaghaft Luft und bemerkte mit Erstaunen, dass es in diesem Kindergarten genauso roch wie zu ihrer Zeit in ihrem. Sie konnte sich zwar nur noch vage an die Puppenecke und den Kaufmannsladen erinnern, aber den Geruch erkannte sie sofort wieder. Was gab den Kindergärten diesen unverwechselbaren Geruch? Farben, Knete, Leim? Vergessene Lunchboxen, die Hausschuhe und Turnbeutel in der Garderobe oder der Bodenbelag aus Linoleum? Noée musste unwillkürlich schmunzeln, was sie für einen kurzen Augenblick ihre Nervosität vergessen liess.
    Sophie hielt sich an ihrem Bein fest und Noée zog sie mit einem verlegenen Lächeln weiter auf die grossgewachsene Frau zu, die in der Mitte der Garderobe stand und Kinder und Eltern begrüsste. Noée wartete, bis die Frau sich ihr zuwandte und sich als Sophies Kindergärtnerin, Frau Meissner, vorstellte. Sie gehörte zu den Menschen, die soviel Selbstbewusstsein ausstrahlten, dass es Noée ganz mulmig wurde. Sie fragte sich, woher solche Menschen ihre Selbstsicherheit nahmen und weshalb sie selbst so wenig davon abbekommen und einen Grossteil dieses Bisschens auf dem Weg zum Erwachsenwerden auch noch eingebüsst hatte.
    »Du musst Sophie sein?« begrüsste Frau Meissner Sophie, die sie anstelle einer Antwort nur schüchtern zwischen Noées Beinen hindurch anlächelte. Die Kindergärtnerin schien das nicht zu stören. Sie zeigte Sophie ihren Platz in der Garderobe – ein Kleiderhaken mit dem Bildchen eines Kaninchens darauf – und bat sie, den Leuchtstreifen am Haken, das Täschchen im Korb und die Schuhe unter der Bank zu lassen. Anschliessend sollte sie im Kindergartenraum den Stuhl mit demselben Bildchen suchen und sich dort hinsetzen. Sophie rührte sich nicht vom Fleck.
    Schliesslich half Noée ihr dabei, die Schuhe auszuziehen und in die nagelneuen Hausschuhe zu schlüpfen. Sie hängte Sophies Leuchtstreifen an den Haken, legte ihr Täschchen zu den übrigen in den geflochtenen Korb und lächelte Sophie noch einmal aufmunternd zu. Gemeinsam betraten sie den Gruppenraum.

    Viele Kinder sassen bereits im Kreis. Sie schwatzten, boxten, zogen und kitzelten sich gegenseitig und begutachteten die Neuankömmlinge neugierig. Auch einige Erwachsene waren da: Das mussten die Eltern von Sophies Jahrgangskollegen sein. Noée kannte niemanden. Zwei der Frauen hatte sie schon einmal auf dem Spielplatz beobachtet, hatte allerdings bisher kein Wort mit ihnen gewechselt.
    Noée fühlte sich unbehaglich, das Atmen fiel ihr hier im Raum merklich schwerer als draussen. Sie schob Sophie mit sanftem Druck in Richtung Stuhlkreis vor der Wandtafel. »Ich sehe das Kaninchen«, raunte sie ihr zu. »Dort drüben. Siehst du es? Auf dem Stuhl neben dem blonden Mädchen. Sie sieht nett aus, setz dich doch zu ihr.«
    Aber Sophie wollte sich nicht alleine in den Kreis setzen und so begrub Noée ihre leise Hoffnung, sich unauffällig in den Hintergrund zurückziehen zu können. Sie nahm mit weichen Knien auf dem niedrigen Holzstuhl mit dem Kaninchenbildchen Platz und hob Sophie auf ihren Schoss. Gottlob sassen noch zwei andere Mütter im Kreis, so dass Noée nicht allzu sehr auffiel. Sie wischte die feuchten Hände an ihrer Jeans ab, zog die Ärmel über die Hände und schlang die Arme um ihre Tochter. Sie vergrub ihre Nase in Sophies Haar und atmete ihren vertrauten Duft ein.


    Marc

    Als Marc die Garderobe des Kindergartens betrat, zog ihn Leo zielstrebig zu seinem Platz mit dem Tiger-Kleiderhaken. Die Kindergärtnerin hatte ihm seinen Platz am Besuchsnachmittag vor den Sommerferien zugewiesen und Leo hatte den ganzen Sommer über kaum noch von etwas anderem gesprochen. Beinahe hätten Susan und Marc ihm ein neues Kindergartentäschchen kaufen müssen, eines mit einem Tiger darauf. Nach zähen Verhandlungen hatten sie sich darauf geeinigt, beim bereits gekauften Rennauto-Täschchen zu bleiben und stattdessen einen Turnbeutel und eine neue Lunchbox im Tigerlook zu kaufen. Die Lunchbox hatten sie gefunden, den Turnbeutel nicht. Zum Glück war Susans Mutter in den USA eine begnadete Näherin. Sie hatte in einem Geschäft einen Stoff mit Tigermuster entdeckt und ihrem einzigen Enkel kurzerhand den gewünschten Turnbeutel genäht. Er war kurz vor Schulbeginn zusammen mit einer Schachtel Crayon und einem Stickerbuch von Bob dem Baumann per Luftpost eingetroffen.

    Während Leo zu seinem Platz im Stuhlkreis stürmte, blieb Marc auf der Schwelle zum Gruppenraum stehen und wechselte ein paar Worte mit der Kindergärtnerin. Er entschuldigte seine Frau Susan, die vor einer Woche, früher als ursprünglich geplant, nach Boston abgereist war, wo sie in ihrer Heimatstadt einen einjährigen Lehr- und Forschungsauftrag an der University of Massachusetts angenommen hatte. Eine einmalige Chance für ihre berufliche Laufbahn, die sie nicht hatte ablehnen können.
    »Wie kommen Leo und Sie ohne Ihre Frau zurecht?«, erkundigte sich Frau Meissner.
    Marc zuckte mit den Schultern und versuchte, seine geringe Begeisterung für die ihm zugefallene Rolle des Hausmannes zu verbergen. Frau Meissner hielt offenbar viel davon; sie lächelte ihm aufmunternd zu.
    »Ganz gut, denke ich. Leo vermisst seine Mutter natürlich, aber wir skypen regelmässig miteinander und langsam gewöhnen wir zwei uns an die neue Situation. Ich bin daran, mich beruflich neu zu orientieren, sodass ich momentan sehr flexibel bin und von zu Hause aus arbeiten kann. Das war auch einer der Gründe, weshalb meine Frau sich guten Gewissens für den Gastaufenthalt in den USA entschieden hat.«
    »Ich finde es eine mutige Entscheidung von Ihnen und bin überzeugt, dass Sie sie nicht bereuen werden. Sie sind heute nicht der einzige Vater hier, obschon natürlich mehrheitlich Mütter anwesend sind.«
    Sie schenkte Marc ein weiteres Lächeln, bevor sie sich einem Elternpaar zuwandte, das einen schluchzenden Jungen zu beruhigen versuchte.
    Marc betrat den Gruppenraum und sah sich suchend nach Leo um. Sein Sohn sass bereits zwischen Tom und Steven, die er vom Spielplatz her kannte. Die drei tuschelten aufgeregt miteinander und schubsten und knufften sich gegenseitig. Marcs Blick wanderte weiter. Drei Mütter sassen auf den sichtlich unbequemen, niedrigen Kinderstühlen und hielten ihre Sprösslinge auf dem Schoss. Sein Blick blieb an einem kleinen Mädchen hängen, das aufgeregt auf der völlig ausgefransten Kordel seines Kapuzenshirts herumkaute. Seine Mutter hatte lange, dunkle Haare und hielt die Kleine regelrecht umklammert. Sie betrachtete die farbigen Magnetbildchen an der Wandtafel und schien nichts um sich herum wahrzunehmen. Marc wollte gerade den Blick abwenden, als sie den Kopf drehte und in seine Richtung sah. Ihre Blicke trafen sich …

    Sie brauchte eine Sekunde länger als er, ihn zu erkennen, dann entgleisten ihre Gesichtszüge. Ihre Augen weiteten sich, und Marc sah, wie sie zittrig Luft holte. Sie stand so unvermittelt auf, dass ihre überraschte Tochter unsanft auf dem Boden landete. Die Kleine rappelte sich sogleich wieder auf und klammerte sich ängstlich an die Beine ihrer Mutter. Diese blickte mit einem gehetzten Blick zur Tür hinter Marc, zum Fenster, dann hinunter auf ihre Tochter. Ein Zittern ging durch ihren Körper, dann sank sie auf den Stuhl zurück, nahm ihre Tochter wieder auf den Schoss und schlang die Arme um sie. Wie ein Vorhang fielen ihre Haare vor ihr Gesicht.
    Genau so hatte Marc Noée in Erinnerung. Sie schien sich nicht verändert zu haben. Waren es tatsächlich schon fünfzehn Jahre her, seit er sie das letzte Mal gesehen hatte? Er hatte in der ersten Zeit oft an sie gedacht. Ja, sie hatte ihn regelrecht in seinen Träumen verfolgt, nachdem sie damals von einem Tag auf den anderen ohne jegliche Erklärung aus ihrer Abschlussklasse verschwunden war. Und nun sass sie da, als wäre seither kein Tag vergangen, als hätte sie wie jeden Morgen stumm ihren Platz in der Klasse wieder eingenommen.
    Marc lehnte sich gegen den Tisch hinter ihm. Er streckte seine Beine aus, verschränkte die Arme vor der Brust und beobachtete Noée unauffällig. Sie bewegte sich nicht und fixierte unter ihrem Haarvorhang hervor den dunklen Linoleumboden. Nur ihre Hände, die sie zu Fäusten geballt hatte, zitterten, was sie vergeblich unter den überlangen Ärmeln ihres dunkelblauen Longsleeve zu verbergen versuchte.


    Noée

    Für einen Augenblick vergass Noée wie man atmete, als sie Marc erkannte. Dann holte sie mühsam Luft. Eine lange nicht mehr gefühlte, aber nur allzu bekannte Panik erfasste sie. Ihr erster Impuls war es, aus dem Raum zu flüchten, doch Marc stand zwischen ihr und der Tür und das Fenster war geschlossen. Ausserdem konnte sie Sophie nicht alleine lassen …
    Sie unterdrückte ihren überwältigenden Fluchtreflex und liess sich mit weichen Knien auf den Stuhl zurückfallen. Am liebsten hätte sie sich in Luft aufgelöst. Nur nicht auffallen, das schien ihr auch nach fünfzehn Jahren noch die beste Strategie zu sein. Keine Aufmerksamkeit erregen, keine Angriffsfläche bieten, sich so unsichtbar wie nur möglich machen und die Stunde aussitzen. Nicht ersticken, nur nicht ersticken …

    Frau Meissner begrüsste die anwesenden Kinder und die Eltern herzlich und schlug ein Bilderbuch auf. Noée versuchte vergeblich, der Geschichte des einsamen, kleinen Mäuserichs auf der Suche nach Freunden zu folgen; ihre Gedanken hatten sich in der Vergangenheit verheddert. Sie umfing sie mit schwarzen Tentakeln und zerrte sie erbarmungslos zurück in eine beinahe vergessene Zeit, in einen anderen Raum. Kahle Sichtbetonwände, eng aneinander gedrängte Einerpulte, eine geschlossene Tür …
    Noée musste ihre ganze Willenskraft aufbringen, um sich aus dem eisernen Griff ihrer Erinnerungen zu befreien. Sie befand sich in einem auf den ersten Blick etwas chaotisch anmutenden, aber durchaus gemütlich eingerichteten Kindergartenraum mit bunten Bildern und Basteleien an den Wänden. Sie war nicht mehr siebzehn, sie war zweiunddreissig. Sie war erwachsen, und ihre fünfjährige Tochter hatte heute ihren ersten Tag im Kindergarten. Sophie brauchte ihre Mutter, sie brauchte sie. Es war ihre Aufgabe, hier zu sein und Ruhe auszustrahlen, damit Sophie sich wohl fühlte.
    Noée atmete tief durch. Ihr Blick huschte verstohlen über die Kinder und Eltern, die sich alle mit einem gespannten, teilweise entrückten Gesichtsausdruck von Frau Meissners Stimme durch die Geschichte tragen liessen. Vorsichtig lockerte Noée den Griff, mit dem sie Sophie umklammerte, und riskierte einen Blick zum Tisch im Hintergrund, in der unsinnigen Hoffnung, Marc sei lediglich ein Trugbild ihrer Angst gewesen und inzwischen wieder verschwunden. Doch er lehnte immer noch dort, mit lässig übereinander geschlagenen Beinen und vor der Brust verschränkten Armen.
    Marc war hier! In diesem Raum! Mit einiger Verzögerung wurde Noée bewusst, was das bedeutete: Er war entweder Logopäde, Schulsozialarbeiter oder hatte ebenfalls ein Kind in dieser Kindergartenklasse. Letzteres schien ihr am wahrscheinlichsten und es bedeutete, dass er ebenfalls hier im Ort lebte. Die Erkenntnis schnürte Noée die Kehle zu. Ihre Atmung stolperte. Sie versuchte, den Kloss in ihrem Hals hinunterzuschlucken, um genügend Luft zu bekommen, um nicht zu ersticken …
    Das Ersticken wurde ihr erspart, denn in eben dem Augenblick stimmte Frau Meissner das Lied Das ist der Schlange schönster Tanz an. Ein Kind nach dem anderen reihte sich in den immer länger werdenden Schlangenschwanz ein.
    Als die Reihe an Sophie war, weigerte sich die Kleine standhaft, sich der Schlange anzuschliessen. Noée hätte viel darum gegeben, im Erdboden versinken zu dürfen, doch ihr blieb nichts anderes übrig, als Sophie bei der Hand zu nehmen und sich mit ihr gemeinsam einzureihen. Als die Schlange komplett war, tappten alle hintereinander durch den Gruppenraum in die Bauecke und die Bücherecke, vorbei an Marc – Noée musste sich zusammenreissen, dass sie nicht aus dem Glied trat, sie starrte stur auf den Jungen hinunter, der vor ihr und Sophie ging – hinaus in die Garderobe und zu den Toiletten.
    Auf dem Rückweg in den Gruppenraum drehte der Junge den Kopf und sah Sophie neugierig an. »Wie heisst du?«, wollte er wissen.
    Noée stiess ihre Tochter an, die nur verlegen ihr Gesicht in Noées Hand schmiegte. »Der Junge möchte wissen, wie du heisst.«
    Sophie sagte nichts, also ergriff Noée das Wort. »Sie heisst Sophie. Wir sind neu hier und kennen noch niemanden. Wie heisst du denn?«
    »Ich bin Leo und wir wohnen schon seit dem Frühling hier.«
    »Siehst du, Sophie?«, wandte sich Noée an ihre immer noch stumme Tochter. »Jetzt kennst du schon jemanden.«
    »Ich kann ein bisschen auf dich aufpassen«, bot Leo grosszügig an.
    Noée lächelte. »Das wäre doch super, Sophie!«
    Jetzt riskierte auch Sophie ein Lächeln und Noée atmete erleichtert auf.


    Marc

    Marc beobachtete interessiert, wie sein Sohn Noées Tochter ansprach, und musste schmunzeln. Leo hatte eine sehr gewinnende Art. Es fiel ihm leicht, Kontakte zu knüpfen. Er hatte überdies ausgesprochen feine Antennen und spürte sofort, wer in seinem Umfeld Hilfe brauchte, und bot sie meist ohne zu zögern an. Dass er sich des schüchternen Mädchens annahm, erstaunte Marc deshalb wenig. Er bezweifelte allerdings, dass Noée sich darüber freuen würde, wenn sie erst einmal herausfände, dass der quirlige Junge mit den zerzausten Haaren und dem Beschützerinstinkt sein Sohn war.
    Als es Zeit für die Pause war, holten zwei Kinder den grossen geflochtenen Korb aus der Garderobe. Zu einem Brotpause-Lied wurden die Täschchen im Kreis herumgereicht, bis jedes Kind seine Brotbox auf den Knien hielt. Während die Kinder zu essen begannen, wandte sich Frau Meissner an die Eltern und schlug vor, sie sollten sich von ihren Kindern verabschieden und am Mittag wieder kommen.
    »Natürlich dürfen Sie heute auch hier bleiben, solange Ihr Kind Ihre Nähe noch braucht«, fügte sie beruhigend hinzu, als einzelne Mütter sie verunsichert anschauten.
    Marc warf Leo einen fragenden Blick zu. Leo winkte kurz und plauderte dann mit Tom weiter.
    Marc fing den amüsierten Blick einer Frau mit rötlichen Haaren neben ihm auf. »Sie scheinen nicht mehr gefragt zu sein«, stellte sie lachend fest.
    »Scheint so«, antwortete Marc.
    »Ich bin Priska«, stellte sich die Rothaarige vor und streckte ihm die Hand hin.
    »Marc, freut mich.«
    »Meine Zwillinge wollten nicht einmal, dass ich sie heute Morgen begleitete«, erzählte Priska und steuerte auf den Ausgang zu. Marc folgte ihr.
    »Ich habe noch zwei grössere Kinder, die beide bei Frau Meissner waren, und Jessica und Isabel durften ihre Schwester letztes Jahr einmal in den Kindergarten begleiten, deshalb bilden sie sich jetzt ein, sie gehören schon zu den Grossen«, erzählte Priska weiter. »Aber ich bestand darauf, sie zu begleiten. Es ist schliesslich das letzte Mal, dass ich einen ersten Kindergartentag erlebe. Hast du noch mehr Kinder?«
    Marc verneinte und sah auf die Uhr. »Ich sollte los«, stellte er fest. »Ich habe noch einen Termin. Bis später.«
    »Ich komme nicht mehr«, erwiderte Priska. »Ich musste Isabel und Jessica versprechen, dass ich sie nicht abholen komme. Sie kennen den Weg.«
    Marc schmunzelte. »Besser so, als dass sie Mühe hätten, dich gehen zu lassen, oder?«
    »Klar, auf jeden Fall. Ich bin froh, sind sie so eigenständig.« Sie seufzte. »Mir tun die Kinder leid, die jeden Morgen vor dem Kindergarten weinen. Das bricht dir als Mutter schier das Herz … Tschüss! Vielleicht sehen wir uns mal auf dem Spielplatz!« Und weg war sie, ein Wirbelwind mit rotbrauen Locken.

    Marc eilte zielstrebig nach Hause. Einen Termin hatte er nicht. Er hatte in den letzten Monaten wenig echte Termine gehabt, was ihm unangenehm war und an seinem Selbstwertgefühl nagte. Richtige Männer hatten Termine! Nur er hatte keine, ausser dem Waschküchentermin, den er mit einer Nachbarin abgetauscht hatte, weil sein Wäschekorb nach ihrer Zeltwoche von Leos und seinen Kleidern überquoll, und Arztterminen, aber die zählten nicht, Männer brauchten keine Ärzte. Auch das war Marc mehr als unangenehm. Zum Glück wurden diese Termine allmählich weniger.
    Zu Hause warf er den Schlüssel in die Schale auf dem Sideboard und zog den Blazer aus. Noch so etwas, was seiner Meinung nach neben dem Terminkalender einen richtigen Mann ausmachte: geschmackvolle Kleidung, eine Mischung aus leger und businesslike. Manchmal hatte er das Gefühl, dass die Kleider neben dem wöchentlichen Fitnessstudio-Besuch das Einzige waren, was ihm zwischen Haushalt, Vatersein und beruflichem Straucheln noch das Gefühl vermittelte, ein richtiger Mann zu sein.
    Er räumte das Frühstücksgeschirr in den Geschirrspüler, das Brot in den Brotkasten und wischte die Krümel vom Tisch. Einen Moment lang stand er vor der Kaffeemaschine, drehte unschlüssig eine Espressotasse zwischen den Fingern und stellte sie schliesslich wieder zurück. Er schloss die Tür zur Küche und ging die Betten machen, öffnete die Fenster und liess sich auf die Couch fallen, dann griff er nach der Fernbedienung und schaltete das Radio ein.
    Er seufzte, fuhr sich mit den Händen durch die Haare und schloss die Augen. Noée Gallaudet! Es schien ihm, als wäre es erst gestern gewesen, dass der Klassenlehrer die Klasse darüber informiert hatte, dass ihre Mitschülerin ab sofort nicht mehr zum Unterricht erscheinen würde. Er sah die Szene noch ganz deutlich vor sich. Mehr noch: er konnte das bleierne Schweigen, das sich nach dieser kurzen Mitteilung über die Klasse gelegt und ihn durchdrungen hatte, wieder fühlen, als hätte es irgendwo im Verborgenen gelauert und nur darauf gewartet, ihn erneut zu überwältigen.
    Niemand hatte damals eine Frage gestellt. Alle hatten diese Information mit gleichgültiger Miene aufgenommen, als gäbe es nichts, was sie weniger interessierte. Die wenigen, die Noée gut kannten, wussten, weshalb sie nicht mehr zur Schule kam. Die anderen auch.
    Marc hatte sich oft gefragt, was aus ihr geworden war. Was sie gemacht hatte, nachdem sie die Schule wenige Monate vor der Matura abgebrochen und nichts als ihr Schweigen in der Klasse zurückgelassen hatte. Er hatte nie jemanden nach ihr gefragt. Er wollte keine Aufmerksamkeit erregen, indem er mehr Interesse zeigte, als ihm zustand. Er wollte nicht den Verdacht erwecken, die ganze Sache berühre ihn in irgendeiner Weise. Er hatte so getan, als hätte es Noée nie gegeben, obschon ihn die leere Bank im Schulzimmer jeden Tag daran erinnert hatte, dass sie nicht mehr da war und dass er mehr zur Eskalation dieser Situation beigetragen hatte, als er sich eingestehen wollte.

  • 2. Kapitel

    Noée

    Sophie tat sich schwer damit, sich von ihrer Mutter zu lösen. Wenn Noée sie morgens in der Garderobe des Kindergartens verabschiedete, klammerte sie sich weinend an sie. Es brach Noée jedes Mal beinahe das Herz. Frau Meissner, eine sehr einfühlsame und herzliche Frau, versicherte ihr, Sophie beteilige sich zwar noch nicht am Freispiel, aber an den meisten Gruppenaktivitäten und sie fühle sich nach ihrer Einschätzung durchaus wohl in der Klasse. Das stimmte mit Noées Eindruck überein: Sophie erzählte jeden Mittag, was sie im Kindergarten gemacht hatten, und sang die Lieder vor, die sie gelernt hatte.
    Ab und zu erzählte sie von den Zwillingen Isabel und Jessica und von Leo, dem Jungen, der sie am ersten Tag angesprochen hatte. Frau Meissner bestätigte Noée, dass Leo Sophie ab und zu zum Spielen auffordere, Sophie sich allerdings noch nicht recht traue. »Ich habe ihm erklärt, dass sie ganz neu hierher gezogen und deshalb noch sehr schüchtern ist, dass sie sich aber bestimmt freut, einen Freund zum Spielen zu haben. Das hat er sich offenbar zu Herzen genommen«, fuhr sie fort. »Ich sorge dafür, dass die zwei bei Gruppenaktivitäten gelegentlich zusammenarbeiten. Sie verstehen sich sehr gut.«
    Noée war erleichtert zu hören, dass Sophie nicht den ganzen Morgen unglücklich und das Problem lediglich die Ablösung von ihr war. Sie hatte den Verdacht, dass sie selbst nicht ganz unschuldig an der Situation war. Zwar gönnte sie Sophie die Möglichkeit, neue Freunde zu finden und mit Gleichaltrigen zu lernen und zu spielen; sie spürte allerdings ein starkes Unbehagen bei der Vorstellung, Sophie in einer Gruppe mit zwanzig ihr fremden Kindern sich selbst zu überlassen. Vermutlich übertrug sich dieses Unbehagen auf Sophie.
    »Sie sollten versuchen, sich zu entspannen«, riet ihr Frau Meissner und versicherte ihr abermals, dass sich Sophie wohlfühle, auch wenn sie noch etwas zurückhaltend sei. »Manche Kinder brauchen einfach etwas länger … Sie ist ja erst seit wenigen Tagen im Kindergarten. Alles ist noch neu für sie.«

    Noée wartete mit einer gewissen Ungeduld auf den Tag, an dem Sophie alleine in den Kindergarten gehen würde. Es war nicht bloss das Abschiednehmen jeden Morgen, das sie mitnahm; sie fürchtete ausserdem ständig, bei diesen Gelegenheiten Marc über den Weg zu laufen, und bei dieser Vorstellung verknotete sich regelmässig ihr Magen.
    In der ersten Woche begegnete sie ihm dreimal im Kindergarten, war allerdings jedes Mal mit der weinende Sophie beschäftigt, weshalb sie vorgeben konnte, ihn nicht gesehen zu haben. Noée war in diesen Situationen regelrecht froh darum, dass Sophie sie so dringend brauchte und sie ihr ihre ungeteilte Aufmerksamkeit schenken konnte. Ein Umstand, der Sophies Ablösungsprozess bestimmt nicht vereinfachte, dachte Noée mit einem Anflug von schlechtem Gewissen.
    Es war ihr durchaus bewusst, dass sie einem Zusammentreffen mit Marc nicht ewig aus dem Weg gehen konnte. Offensichtlich war sie geradewegs in das Dorf gezogen, in dem auch Marc sich niedergelassen hatte. Was machte ein Städter wie er in einem Dorf? Ausserdem: Wie viele Dörfer gab es in dieser Agglomeration wohl? Und es verschlug sie genau in das Kaff, in dem einer der Menschen lebte, denen sie nie mehr hatte begegnen wollen? Welche Ironie!

    Als sie sich ihr Pech am ersten Abend bei einem Glas Rotwein in eine Decke gehüllt zum Soundtrack von Once durch den Kopf gehen liess, kamen ihr Tränen ohnmächtiger Wut. Am liebsten hätte sie das Weinglas gegen die Wohnzimmerwand geschleudert. Das hätte die Protagonistin in einem amerikanischen Film bestimmt getan … Allerdings musste diese anschliessend nicht die Scherben aufwischen und die Weinflecken entfernen und ihrem Kind erklären, wie es zu diesem Missgeschick gekommen war.
    Noée stellte das Weinglas mit zitternden Händen auf den Couchtisch zurück. ›Leave‹, schrie Glen Hansard, und Noée schrie mit. In Gedanken wenigstens. Sie wollte Sophie nicht aufwecken, deshalb blieb sie stumm. Darin hatte sie Übung.
    Vielleicht, sinnierte Noée, würde die Schauspielerin im Hollywood-Film hingehen und ihren Widersacher aus dem Schlaf klingeln. Sie würde ihn anschreien, wenn er verschlafen an der Türe erschien; ihm alle ihre Vorwürfe ins Gesicht schleudern und ihn warnen, ihr nicht zu nahe zu treten. Hinter ihr stünde ihr Freund, ein gut aussehender, furchteinflössender Typ, mit dem sich niemand freiwillig anlegte und der ihre Worte durch seine blosse Anwesenheit unterstrich.
    Nur hatte Noée selber keines von beidem: weder einen Freund, noch einen wirklichen Grund und schon gar nicht das Recht, Marc anzuschreien. Er hatte ihr genau genommen nichts getan, was sie ihm vorwerfen konnte, es galt die Unschuldsvermutung …
    Was also sollte sie ihm sagen, wenn sie ihm – auf die Dauer würde sich das nicht vermeiden lassen – wieder über den Weg lief? Er durfte unter keinen Umständen merken, welches Unbehagen seine Gegenwart in ihr auslöste! Weshalb sollte sie sich überhaupt unbehaglich fühlen? Sie hatte vor langer Zeit mit der Vergangenheit abgeschlossen. Es war ja schon eine Ewigkeit her, fast ein halbes Leben in ihrem Fall. Sie hatte überlebt und keinen Schaden davongetragen …
    Noée fühlte einige Minuten lang diesem Gedanken nach und strich dabei den zerknautschten Schlafanzug auf ihren Oberschenkeln glatt. Es war eine Lüge, das war ihr klar, aber sie wollte sie glauben. Sie wollte sie so unbedingt glauben! Vor allem wollte sie, dass Marc ihre Lüge glaubte. Er sollte nicht merken, wie tief sie trotz aller Bemühungen auch heute noch in ihrer Vergangenheit feststeckte. Wie in einem zähen Sumpf aus flüssigem Teer.

    Noée stand seufzend auf und schlurfte ins Bad. Dort stellte sie sich vor den Spiegel, wischte die Zahnpastaspritzer von ihrem – Neonlicht sei Dank – grünblassen Spiegelbild und eine Haarsträhne aus ihren Augen und räusperte sich. »Hallo«, sagte sie in Gedanken und zwang sich, ihrem Spiegelbild in die Augen zu sehen. Sollte sie »Hallo Marc« sagen? Oder eher »Vonlanthen«? Ein Nachname klang etwas distanzierter, kühler … Oder besser gar keinen Namen? Das würde vielleicht unterstreichen, dass er ihr gleichgültig war. So gleichgültig, dass sie sich nicht einmal mehr an seinen Namen erinnerte.
    Sie blickte ihr Spiegelbild mit zusammengekniffenen Augen an. »Hallo«, wiederholte sie. Und wie weiter? »Ich glaube, es ist …« Nein, sie glaubte es nicht, sie wusste es! »Ärgerlicherweise hat es uns ins gleiche Dorf verschlagen. Da es sich nicht mehr ändern lässt, schlage ich vor, wir versuchen einfach, einander so weit aus dem Weg zu gehen wie es möglich ist.« Nach diesen Worten würde sie sich ohne ihm Gelegenheit für eine Antwort zu geben stolz erhobenen Hauptes und gemessenen Schrittes entfernen. Noée putzte die Zähne und löschte das Licht.

    Ihre Wege kreuzten sich ein paar Tage später erneut und dieses Mal konnte Noée nicht vorgeben, sie hätte Marc nicht bemerkt. Als sie Sophie im Kindergarten verabschiedete, wollte diese sie wie üblich partout nicht gehen lassen. Frau Meissner erklärte ihr geduldig, dies sei ein Kinder- und kein Elterngarten und ihre Mutter müsse nach Hause. »Es ist in Ordnung«, wandte sie sich an Noée. »Sie haben sich von Sophie verabschiedet und können jetzt gehen.«
    Noée wollte möglichst schnell verschwinden, um Sophie nicht mehr wimmern hören zu müssen. Sie verliess hastig die Garderobe. Als Sophie mit einem Mutterherz-zerreissenden Schluchzer nach ihr rief, drehte sie im Laufen den Kopf und winkte ihr zum Abschied aufmunternd zu. Dann rannte sie ungebremst gegen eine Wand. Eine Beinahe-Wand. Solide, aber erstaunlich weich und warm. Zwei Hände packten sie, als sie benommen von der Wucht des Zusammenpralls rückwärts taumelte. Sie blickte hoch und erstarrte, als sie Marc erkannte und sich ihr Innerstes panikartig zusammenzog. Ihre Knie gaben nach und der Raum verschwamm vor ihren Augen.
    Marc hielt sie an den Schultern fest, bis ihre Umgebung wieder scharfe Konturen annahm und sie den Boden wieder unter den Füssen spürte. Sie murmelte eine Entschuldigung und wollte sich an ihm vorbeidrängen, als ein Stoss in die Kniekehlen sie abermals aus dem Gleichgewicht brachte. Marc hielt sie erneut fest, sonst wäre sie rückwärts über Sophie gestürzt, die sich gegen ihre Beine geworfen hatte und ihr die Arme um die Knie schlang.
    Noée drehte sich um, löste sich aus Sophies Umklammerung und beugte sich zu ihr hinunter. Mit einem Mal machten sich alle ihre aufgestauten Gefühle Luft: die Wut, sich jeden Morgen von ihrem weinenden Kind verabschieden zu müssen; das schlechte Gewissen, ihre Tochter in dieser Situation im Stich zu lassen; und das Gewicht der Demütigung, in dieser peinlichen Situation geradewegs dem letzten Menschen in die Arme gelaufen zu sein, vor dem sie Schwäche zeigen wollte!
    »Sophie«, rief sie am Rand der Tränen. »Du. Musst. Hier bleiben. Bitte, versteh das doch endlich!« Am liebsten hätte sie ihre Tochter geschüttelt.
    »Gehen Sie ruhig«, beruhigte sie die Kindergärtnerin, die ihr ansehen musste, dass sie einem Nervenzusammenbruch gefährlich nahe war, und nahm Sophie an der Hand. »Wir zwei schaffen das schon. Nicht wahr, Sophie? Und Leo ist auch gerade gekommen.«
    Noée presste trotzig die Kiefer aufeinander, drängte sich mit gesenktem Blick und einer weiteren gestammelten Entschuldigung an Marc vorbei und flüchtete nach draussen ohne auch nur ein einziges Mal zurück zu schauen. Sie rannte die Strasse hinunter und hielt erst wieder, um zu verschnaufen, als sie um drei Hausecken gebogen und sicher war, dass ihr niemand folgte. Dort sank sie beim glücklicherweise noch leeren Spielplatz auf eine Bank. Nichts war aus ihrem grossspurigen Vorsatz, Marc kühl abzuservieren, geworden! Dabei hatte sie jeden Abend vor dem Spiegel geübt und sich selbst grimmig angesehen. Doch als es ernst gegolten hatte, hatte sie nicht einmal den Mut aufgebracht, ihn anzusehen.


    Marc

    Marc betrachtete die Bilder, die er von Jordans Scheune und dem Bauernhaus gemacht hatte. Sie lagen ausgebreitet neben einem Grundrissplan auf dem grossen Esstisch, den Leo und er nicht mehr zum Essen benützten, seit sie nur noch zu zweit lebten.
    Das Projekt reizte ihn. Es war etwas ganz anderes als alles, was er bisher gemacht hatte. Es bot einen sanften Einstieg zurück ins Arbeitsleben, in den Beruf, den er so liebte. Er stand unter keinerlei Zeitdruck und war sein eigener Herr. Es war ein neuer Anfang. Sein Neuanfang. Er fühlte sich nach beinahe zwölf Monaten ohne Arbeit wieder fit genug, eine solche Herausforderung anzunehmen.
    Marc lehnte sich in seinem Stuhl zurück und nahm einen Schluck Kaffee. Eine einzige Tasse pro Tag, hatte sein Arzt ihm geraten. Dafür sollte er diese eine geniessen. Die erste Zeit war hart gewesen. Er hatte den Kaffee so sehr vermisst wie die Arbeit auch. Er war Architekt aus Leidenschaft und ebenso leidenschaftlicher Kaffeetrinker, aber er hatte das richtige Mass nicht gefunden, weder in der Arbeit noch beim Kaffeetrinken.

    Als sein Architekturbüro den Zuschlag für ein Grossprojekt erhalten hatte, hatte er sich mit Feuereifer und zahlreichen Ideen in die Arbeit gestürzt. Doch dann kamen Einsprachen von Anwohnern, immer neue gesetzliche Auflagen; der Zeitplan wurde immer enger, während die Kosten bedrohlich stiegen. Von seinen kreativen Ideen musste er eine nach der anderen zu Grabe tragen. Verbissen arbeitete er weiter. Bis zur Erschöpfung. Gegen den Rest der Welt. Zu Hause erwarteten ihn eine frustrierte Ehefrau und ein quengelndes Kleinkind.
    Irgendwann wuchs ihm alles über den Kopf. Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit und Gereiztheit waren die Folge. Lange ignorierte er die Warnungen seines Körpers, machte verbissen weiter, bis ihm die Sache endgültig entglitt und sein Kreislauf kollabierte. Daraufhin wurde er für einige Wochen krankgeschrieben. Sein Geschäftspartner riss sich das prestigeträchtige Projekt unter den Nagel, passte es seinen Vorstellungen an und stiess damit bei den Investoren auf grosse Begeisterung. Marc fühlte sich betrogen. Als er nach drei Wochen ins Büro zurückkam, wurde die Zusammenarbeit zusehends schwieriger, schliesslich unmöglich. Es folgte ein zweiter Zusammenbruch. Der Arzt diagnostizierte ein Burn-out, eine erschöpfungsbedingte Depression. Marc zog die Konsequenzen: Er kündigte und machte eine ärztlich begleitete Zwangspause.
    Seine Frau Susan nutzte seine Arbeitsunfähigkeit und nahm ihre Forschungstätigkeit an der ETH wieder auf, die sie seit Leos Geburt zu ihrem grossen Bedauern nur noch auf Sparflamme hatte betreiben können. Und während alle in Marcs Umfeld Erfolge verbuchten und in ihrer Arbeit Befriedigung fanden, sass er zu Hause mit einem trotzigen Vierjährigen und versuchte, mit der schmerzlichen Demütigung fertigzuwerden, ohne Job dazustehen, sein entgleistes Leben wieder unter Kontrolle zu bekommen und etwas zu finden, was seinem Leben einen Sinn und eine neue Richtung gab. Der Umzug aufs Land war ein erster wichtiger Schritt gewesen, das vorliegende Bauprojekt würde der nächste sein. Schritt für Schritt wollte er sich sein Leben zurückerobern.
    Marc zwirbelte den Bleistift zwischen den Fingern. Der Zusammenstoss mit Noée am Morgen ging ihm nicht aus dem Kopf. Sie war bei seinem Anblick leichenblass geworden. Er wusste, dass sie ihm gegenüber grosse Abneigung empfand, und er war sich bewusst, dass er daran nicht unschuldig war, doch die Heftigkeit ihrer Reaktion hatte ihn getroffen. Seit er sie am ersten Kindergartentag gesehen hatte, musste er oft an ihre gemeinsame Schulzeit denken. Daran, was Patrick, Robert und er gemacht hatten. Was passiert war und was noch hätte passieren können. Die Vorstellung hatte ihn noch lange verfolgt, auch noch, nachdem sie die Schule abgeschlossen und ihre Wege sich getrennt hatten.
    Patrick, Robert und er hatten nie über jene Nacht gesprochen, hatten stillschweigend so getan, als wäre nie etwas geschehen. Er hatte keine Ahnung, wie es den beiden ergangen war; aus seinem Gedächtnis waren die Monate vor der Matur nicht so leicht zu löschen gewesen. Wahrscheinlich war er der Schwächste von ihnen. Vielleicht hatte er sich deshalb mit an Verzweiflung grenzendem Ehrgeiz in seine Ausbildung und seine Arbeit gestürzt: um zu vergessen. Und es war ihm recht gut gelungen. Bis jetzt jedenfalls. Bis Noée wieder in sein Leben getreten war. Alles an ihr, die zitternden Hände, der gesenkte Blick, rief ihm seine Schuld in Erinnerung. Weshalb war sie genau hierher gezogen?! In das Dorf, in dem er gehofft hatte, sein Leben neu aufbauen zu können. Er hatte Noée einmal unauffällig beobachtet und gesehen, dass sie auf der anderen Seite des Spielplatzes lebte. Im Winter, wenn die zwei grossen Ahornbäume ihr Laub abgeworfen hatten, hatte sie vermutlich sogar freie Sicht auf seine Wohnung. Ob sie sich dessen bewusst war?
    Kurz kam ihm der Gedanke, sie könnte absichtlich hierher gezogen sein. Hatte sie seinen Wohnort ausfindig gemacht, um ihn zu verfolgen und ihn an die Vergangenheit zu erinnern? Sie hatte sich nie damit abgefunden, dass die Polizei Patrick und ihm nichts hatte nachweisen können, dass ihre Alibi wasserdicht gewesen waren. War sie hierhergezogen, um ihn zur Rechenschaft zu ziehen? Würde sie es herumerzählen? Wollte sie seinen Ruf schädigen?
    Marc warf den Bleistift auf den Tisch und stand auf. Das war absurd! Ihre Reaktion auf ihn am ersten Kindergartentag war nicht gespielt gewesen: Sie war entsetzt gewesen. Und heute Morgen hatte nicht viel gefehlt und sie wäre in Ohnmacht gefallen, als sie merkte, wen sie angerempelt hatte …
    Marc beschloss, joggen zu gehen. Bewegung und frische Luft halfen ihm, zu sich selbst zu finden und die Dinge klarer zu sehen. Auch das war ein Ratschlag seines Arztes, den er sich wie die Sache mit dem Kaffee zu Herzen nahm. Während er durch die Rietlandschaft dem See entlang joggte, kam ihm ein neuer Gedanke. War das seine Chance, mit der Vergangenheit ins Reine zu kommen? Marc blieb stehen und blickte auf den See hinaus, zur gelben Boje, die sanft auf den Wellen auf und ab wippte, und fasste einen Entschluss: Er würde es neben dem Umbau des Bauerhauses als ein weiteres herausforderndes Projekt behandeln: Noée Gallaudet beweisen, dass er nichts mehr mit dem Achtzehnjährigen gemeinsam hatte, der seine Zeit mit Unterrichtsboykott, Mobbing und Alkohol vertrieben hatte. Zufrieden lief er weiter. Ein Ziel! Er hatte ein neues Ziel. Ziele hatten ihm seit jeher geholfen, sich selbst nicht zu verlieren.


    Noée

    Sie sitzt eingekeilt zwischen Pulten und Körpern. Kahle, charmelose Wände, die Wandtafel, auf die der Lehrer eine komplizierte Gleichung schreibt. Normalerweise sitzt sie zuhinterst beim Fenster, von wo aus sie aus dieser Höhe einen guten Blick über einen Teil der Stadt hat und niemand sie ansehen kann, doch heute ist sie zu spät ins Klassenzimmer gekommen und muss mit einem Platz in der zweiten Reihe Vorlieb nehmen.
    Als der Lehrer sie auffordert, nach vorne zu gehen und die Gleichung an der Wandtafel zu lösen, spürt sie die Blicke förmlich, die sich in ihren Rücken bohren. Jemand flüstert. Jemand kichert. Noée weiss, dass sie die Gleichung nicht wird lösen können, dass sie lachen werden. Sie lachen gerne über andere.
    Der Lehrer bittet sie erneut, nach vorne zu treten. Sie erhebt sich mühsam. Neben der Panik, die sie in diesem Augenblick wie eine Welle überrollt, spürt sie eine ohnmächtige Wut darüber, dass sie hier stehen muss, dass sie das Tag für Tag ertragen muss. Tränen steigen in ihr hoch, sie kriegt keine Luft mehr. Nur keine Schwäche zeigen, nur keine Schwäche zeigen wiederholt sie wie ein Mantra, während sie nach vorne geht. Jemand lacht. Sie nimmt dem Lehrer die Kreide aus der Hand, zögert einen Moment, schleudert sie gegen die Wandtafel, geht zum Fenster und öffnet es. Sie steigt auf die Fensterbank, blickt einen Augenblick lang in die Tiefe und springt … Sie verspürt keinerlei Angst. Sie nimmt nur noch die befreiende Stille wahr, die sie plötzlich einhüllt. Nach einem kurzen Fall öffnen sich ihre Flügel. Warme Luft hebt sie in die Höhe und trägt sie fort …

    Noée knipste das Licht ihrer Nachttischlampe an und griff nach dem Glas Wasser neben dem Bett. Sie setzte sich auf und lehnte den Kopf gegen die Wand. Das hatte sie schon lange nicht mehr geträumt. Gute zehn Jahre lang war sie in regelmässigen Abständen aus einem jener Fenster in die Freiheit gesprungen. Erst mit Sophies Geburt waren die Träume verschwunden. Wohl weil sie lange Zeit viel zu wenig Schlaf bekommen und deshalb gar keine Energie fürs Träumen gehabt hatte. Und jetzt hatten ihre Träume sie eingeholt. Ihre Vergangenheit hatte sie eingeholt. Sie hatte den Wettlauf des Vergessens verloren.

Aus der Zeit gefallen

Aus der Zeit gefallen

Seitenzahl

Taschenbuch, 400 Seiten

Preis

17.00 CHF

Kontakt

Manuela Letsch
Fröschbach 1
8117 Fällanden

Impressum

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